Klimafreundlicher Beton: Warum CO₂-reduzierte Baustoffe jetzt in die Praxis rücken
Wie das Fachmagazin Construction Digital berichtet, lässt Heidelberg Materials seinen CO₂-reduzierten Beton evoBuild auf einer Londoner Prestige-Baustelle am Piccadilly einbauen – das ist mehr als Marketing.

Wenn die Technik in Westend-Projekten ankommt, ist sie serienreif, und damit wird klimafreundlicher Beton auch für unsere Baustellen in NRW eine ganz konkrete Option, kein Versuchsfeld mehr.
Was steckt hinter evoBuild?
Heidelberg Materials kombiniert in seiner evoBuild-Reihe zwei Bausteine: einen Zement, der mit CCS-Technologie (Carbon Capture and Storage) am Werk Brevik in Norwegen produziert wird und nach Herstellerangaben rund 50 Prozent weniger CO₂ verursacht als herkömmlicher CEM I, sowie Hüttensand (GGBS), ein Nebenprodukt der Stahlherstellung. Beim Londoner Projekt 33-35 Piccadilly wird der Untergeschossboden in dieser Mischung gegossen – inklusive passender Abdichtung gegen drückendes Wasser. Auftraggeber ist dort The Crown Estate, und genau das zeigt: Hier wird nicht experimentiert, hier wird gebaut.
Für uns auf der Baustelle heißt das: Die Lieferketten funktionieren. Wer in NRW ein Mehrfamilienhaus oder eine Gewerbehalle plant, kann sich beim Transportbetonwerk gezielt nach CCS-Zement oder höheren GGBS-Anteilen erkundigen. Fordert man heute einen C30/37 mit nennenswertem GGBS-Anteil, liefern die meisten größeren Werke in der Region das problemlos – ein Anruf genügt. Preisaufschläge gibt es, klar, die muss man ehrlich einplanen, aber verfügbar ist das Zeug.
Die andere Seite: Klima schlägt Rezept
Doch jetzt kommt der Part, über den auf mancher Baustelle gern geschwiegen wird. Forschende der ETH Zürich haben in einer Studie gezeigt, dass derselbe Beton je nach Klima völlig unterschiedlich altert. Vier Standorte – Zürich, Bergen, Manaus und Huailai – fallen nach geltender europäischer Norm alle in dieselbe Expositionsklasse „wechselnd nass und trocken", obwohl dort fundamental andere Bedingungen herrschen. Das ist im Prinzip so, als würde man Münster und Manaus in einen Topf werfen.
Entscheidend ist die Feuchte im Bauteil: Ist der Beton nass, läuft die Korrosion der Bewehrung bis zu hundertmal schneller als in trockenen Phasen. Und klimafreundliche Mischungen carbonatisieren tendenziell schneller – CO₂ aus der Luft dringt zügiger ein und greift den Schutz des Stahls an. Die Studie stellt aber klar: Das bedeutet nicht, dass Low-Carbon-Beton unsicher ist. Einige Mischungen erreichen unter günstigen Bedingungen durchaus 50 Jahre Standzeit und mehr.
Was das für NRW konkret heißt
Bei uns wechseln sich milde, regenreiche Winter und warme, teils trockene Sommer ab – klassisches Wechselklima, nicht unähnlich dem englischen. Wer also mit einem CO₂-reduzierten Beton plant, sollte nicht nur die Druckfestigkeitsklasse auf dem Lieferschein prüfen, sondern mit seinem Baustofflieferanten drei praktische Fragen klären:
- Wie hoch ist der GGBS-Anteil, und ist er für die anvisierte Expositionsklasse (etwa XC3 oder XC4 bei Außenbauteilen mit Feuchte) überhaupt zugelassen?
- Wie sieht die Nachbehandlung aus? Niedrigere Zementgehalte brauchen oft längere Nachbehandlungszeiten – und genau hier wird auf der Baustelle am häufigsten gepfuscht.
- Welche Feuchte- und Schutzmaßnahmen gelten für die ersten Wochen? Hier entscheidet sich, ob der Beton in 30 Jahren noch steht oder schon Risse zeigt.
Bei kleineren Bauteilen wie Bodenplatten oder Kellerwänden im Einfamilienhaus lohnt der Aufpreis oft weniger, weil die CO₂-Einsparung pro Kubikmeter überschaubar bleibt. Bei größeren Volumen – Tiefgaragen, Hallentragwerke, Brücken – relativiert sich der Mehrpreis schnell, und das Nachfragen beim Werk lohnt erst recht. Mein ehrlicher Rat zum Schluss: Low-Carbon-Beton ist kein Hexenwerk mehr, aber auch kein Selbstläufer. Wer ihn einsetzt, muss die Nachbehandlung konsequent durchziehen – sonst hilft die beste CO₂-Bilanz nichts. Und wer nur auf den Preis schaut und gleichzeitig das Klima vergisst, der baut sich seinen Schaden gleich mit ein.